Wer durch den lokalen „Facebookchat“ unserer Stadt scrollt, bekommt schnell den Eindruck, das Abendland gehe in der Fußgängerzone unter. Die Narrative sind düster: „Angsträume“, „Verwahrlosung“ und der Kulturkampf um die Gastronomie finden sich immer wieder in den Kommentarspalten. Besonders irritierend ist dabei der Umgang mit der Fremdheit – sogar eine Art „Hierarchie der Fremdheit“: Aktuelles Beispiel: Wenn das italienische Officina del Gusto schließt – sicherlich ein bedauerlicher Verlust -, wird getrauert. Wenn aber ein türkischer oder arabischer Unternehmer übernimmt, wird der Untergang beschworen.
Pizza ist „Kultur“, Döner ist „Bedrohung“?
Doch diese emotionale Debatte führt in die Irre. Sie lenkt von den harten Fakten ab, die unseren Brühler Einzelhandel wirklich bedrücken.
Der ökonomische Realitätscheck: Mieten, Erben und Strukturwandel
Der sichtbare Leerstand hat eine primäre Ursache: Die Schere zwischen Mietkosten und Umsatzmöglichkeiten geht immer weiter auseinander. Der E-Commerce wächst, die Passantenfrequenz in guten Lagen sinkt. Das ist kein Brühler Phänomen, sondern ein bundesweiter – nein, sogar ein globaler Trend.
Doch Brühl hat dabei ein spezifisches Problem: Unsere gewerblichen Räume sind oft zu klein für die großen Filialisten (ein H&M oder Zara brauchen große Flächen, die Brühl kaum bieten kann), aber gleichzeitig zu teuer für den klassischen, inhabergeführten Einzelhandel.
Viele Immobilien in der Innenstadt gehören Gruppen von Erben. Mitunter blockieren sie notwendige Mietpreissenkungen oder Modernisierungen, weil sie an Renditeerwartungen der Vergangenheit festhalten. Ein Leerstand wird dann lieber in Kauf genommen als eine Anpassung der Miete. Das ist zunächst einmal Marktversagen, schuld ist dabei nicht eine vermeintliche „Überfremdung“, wenn die Vielfalt des Angebots sinkt.
Gedankenexperiment: Das „Reinheits-Tattoo“
Wer angesichts dieser komplexen ökonomischen Gemengelage dennoch die Schuld pauschal bei der Migration sucht, sollte die Konsequenz einmal zu Ende denken. Die Diskussionen in den sozialen Medien zeigen ja, dass anscheinend zwischen „guten“ und „bösen“ Ausländern unterschieden wird.
Vielleicht sollten wir ein neues Symbol einführen: Ein Tattoo oder Emblem, ähnlich dem Organspende-Zeichen. Menschen, die dieses Emblem sichtbar tragen, werden rundweg davor „bewahrt“, von Nichtdeutschen bedient, behandelt oder gerettet zu werden. Kein Döner, kein Putzen, keine Pflege, falls nicht Biodeutsch.
Wer das Zeichen trägt, wartet im Krankenhaus eben auf den deutschen Assistenzarzt (viel Glück am Wochenende!), verzichtet auf das Taxi, wenn der Fahrer einen Akzent hat, und ignoriert die Reinigungskraft im Büro. Der Preis für diese ideologische „Reinheit“ wäre voraussichtlich hoch: Der Kollaps des Alltags.
Die Migrantenökonomie als Lebensversicherung
Kehren wir zurück zur Realität. Die sogenannte „Migrantenökonomie“ bezeichnet die Gesamtheit der von Menschen mit Migrationshintergrund gegründeten oder geführten Unternehmen.
„Migrantenökonomie“ ist faktisch die Lebensversicherung unserer Innenstadt.
Gründungsgeschehen: Laut KfW-Gründungsmonitor erfolgt jede fünfte Existenzgründung in Deutschland durch Menschen mit Migrationshintergrund. Sie füllen die Lücken, die entstehen, wenn deutsche Nachfolger fehlen.
Vielfalt statt Monokultur: Dass in der Kempishofstraße nun ein griechisches Lokal neben dem etablierten türkisch geführten Imbiss eröffnet, ist kein Zeichen von Verfall, sondern von Vitalität. Es schafft Angebote, wo sonst Leerstand drohen würde.
Arbeitsmarkt: Ohne Zuwanderung würde das Gastgewerbe sofort kollabieren. Der Deutscher Hotel- und Gaststättenverband bestätigt zumindest, dass Wachstum bei den Beschäftigten derzeit fast ausschließlich durch ausländische Arbeitskräfte generiert wird.
Fakten statt Folklore
Eine Stadt, die sich abschottet, wird ökonomisch veröden. Die Innenstadt der Zukunft ist postmigrantisch, oder sie ist gar nicht. Postmigrantisch
beschreibt eine Gesellschaft, die durch Migration nachhaltig geprägt ist, wobei Migration nicht als abgeschlossener Prozess, sondern als fortlaufende Realität verstanden wird.
Vielfalt ist keine „bunte Ideologie“ für Träumer, sondern harte Standortpolitik für Realisten.
Wer die Innenstadt retten will, muss über Mieten, Erbengemeinschaften und innovative Konzepte reden.
Wer die Innenstadt retten will, muss Menschen finden, die bereit sind, an ein Geschäft zu glauben, die risikobereit sind.
Wer stattdessen nur über die Herkunft des Koches diskutiert, hat die Zeichen der Zeit – und die Gesetze des Marktes – nicht verstanden.

Bezug
Im Gebäude des Officina del Gusto eröffnet bald ein türkisches Restaurant
https://www.facebook.com/groups/1501149036840204/permalink/4274770939477986/


