Rubrik: Aufklärung, Demokratie, Nostalgie, soziale Medien

Früher hat es sowas nicht gegeben. – Wer schützt uns vor dem Heute?

„Früher war alles besser“ – kaum ein Satz ist so vertraut, so emotional aufgeladen und zugleich so politisch wirksam. In sozialen Medien begegnet er uns heute oft in harmloser Verkleidung: als Omas Küchentipps, Kindheitserinnerungen, Schwarz-Weiß-Fotos oder Rezepte „wie früher“. Doch hinter dieser Nostalgie steckt häufig mehr als nur Sehnsucht.

Rechtskonservativ-populistische Akteure nutzen soziale Medien gezielt, um ein bestimmtes Bild von Vergangenheit zu verbreiten. Dieses „Früher“ ist kein historisch überprüfbares Zeitalter, sondern ein Gefühl: überschaubar, sicher, vertraut. Eine Welt mit klaren Regeln, eindeutigen Rollen und einem starken „Wir“. Konflikte, Ungleichheiten oder Ausschlüsse kommen darin nicht vor – sie werden ausgeblendet.

Soziale Medien sind dafür ein ideales Instrument. Algorithmen belohnen Inhalte, die Emotionen auslösen: Wärme, Ärger, Verlustangst. Nostalgische Erzählungen funktionieren dabei besonders gut, weil sie nicht argumentieren müssen. Sie wirken über Bilder, Erinnerungen und Andeutungen. Aus „Damals konnte man die Tür noch offen lassen“ wird schnell die unausgesprochene Frage: Wer hat uns das genommen?

Das idealisierte „Früher“ dient vor allem einem Zweck: die Gegenwart schlecht aussehen zu lassen. Das Heute erscheint chaotisch, gefährlich, fremd – verursacht angeblich durch politische Eliten, gesellschaftlichen Wandel oder Migration. Lösungen werden dabei selten konkret. Stattdessen wird ein diffuses Schutzversprechen gegeben: Rückkehr zu Ordnung, Nation, Tradition. Parteien wie die AfD greifen dieses Narrativ auf, verstärken es und machen es politisch anschlussfähig.

Problematisch ist nicht die Erinnerung an die eigene Kindheit oder an familiäre Traditionen. Problematisch ist, wenn Nostalgie zur politischen Waffe wird. Denn das beschworene „Früher“ hat so nie existiert – zumindest nicht für alle. Viele Menschen waren ausgeschlossen, entrechtet oder unsichtbar. Diese Realität verschwindet im romantischen Rückblick.

Aufklärung beginnt dort, wo wir diese Mechanismen erkennen. Nicht jede Rezeptseite ist Propaganda. Aber wenn viele scheinbar unabhängige Stimmen dieselbe Botschaft transportieren, lohnt sich ein genauer Blick.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob früher manches einfacher war.
Sondern: Wer definiert dieses Früher – und wofür soll es uns heute gefügig machen?

Links und weiterführende Quellen

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