Ein Kommentar
Am Bahnhof in Brühl steht eine ältere Dame. Sie fühlt sich unsicher. Der Auslöser ist brutal und real: Ein Zugbegleiter wurde in Rheinland-Pfalz von einem jungen Mann tödlich verletzt. Doch während sie am Bahnsteig fröstelt, brennt im Internet die Luft. Dort fällt das Wort vom „Orientexpress“ – eine Chiffre, die suggeriert, man fahre nicht mehr entlang der guten alten Rheinschiene durch das Rheinland, sondern durch ein fremdes, gefährliches Territorium.
Diese beiden Pole – die analoge Angst einer Seniorin und der digitale Kampfbegriff – spannen den Rahmen für eine Debatte, die weit über den Fahrplan hinausgeht. Sie zeigt, wie soziale Medien reale Tragödien in symbolische Schlachten verwandeln – und warum wir dabei oft über die falschen Bedrohungen diskutieren.
Die Bahn als sozialer Zwangstreffpunkt
Um die Dynamik zu verstehen, muss man den Ort des Geschehens betrachten. Die Regionalbahn ist einer der wenigen verbliebenen Orte, an dem die soziale Segregation versagt. In der Soziologie bezeichnet soziale Segregation die räumliche Trennung von Bevölkerungsgruppen nach Einkommen oder Herkunft. Im Alltag funktioniert sie meist reibungslos: Besserverdienende ziehen sich in den geschützten Raum des eigenen PKW zurück oder buchen im Fernverkehr die Ruhe der 1. Klasse.
Im Regionalexpress und der Straßenbahn jedoch prallen alle Lebenswelten ungefiltert aufeinander. Hier trifft der Pendler auf den Partygänger, die Rentnerin auf den alkoholkranken Obdachlosen, die Schülerin auf den perspektivlosen Heranwachsenden. Dieser Raum ist zwangsläufig konfliktgeladen. Wenn hier Regeln gebrochen werden, gibt es keine Ausweichmöglichkeit. Das macht die Bahn zumindest zum gefühlten Bedrohungsraum – nicht etwa, weil dort statistisch am meisten passiert, sondern weil das Gefühl des Ausgeliefertseins dort am stärksten ist.
Das Paradoxon der Angst: Realität vs. Gefühl
Der tödliche Vorfall offenbart ein zynisches Paradoxon: Das Opfer war kein wehrloser Fahrgast, sondern ein Zugbegleiter – eine Respektsperson, die das Hausrecht durchsetzen wollte. Die Gewalt richtete sich gegen die Ordnungsmacht selbst, nicht gegen die willkürliche Seniorin auf dem Sitzplatz.
Statistisch gesehen ist die Angst der älteren Dame in Brühl, selbst Opfer eines solchen Angriffs zu werden, eher unbegründet. Gewaltdelikte dieser Art entzünden sich meist an direkten Konflikten (Kontrolle, Zurechtweisung). Dennoch ist ihre Furcht real. Warum? Weil der Angriff auf den Schaffner als Kontrollverlust des Staates wahrgenommen oder geframed wird. Wenn selbst der Uniformierte nicht sicher ist, wie soll es dann die Rentnerin sein?
Soziale Medien: Die Bewirtschaftung der Bedrohung
Hier klinken sich die sozialen Netzwerke ein. Statt Wahrscheinlichkeiten einzuordnen, nutzen sie das subjektive Unsicherheitsgefühl als Treibstoff. Der Begriff „Orientexpress“, der in der Diskussion um den Brühler Bahnhof fiel, ist dabei kein Zufall. Er fungiert als Dog Whistle, also als Signalbegriff, der für die eigene Blase unmissverständlich „Überfremdung“ und „Zustände wie im Nahen Osten“ bedeutet, ohne direkt strafbar zu sein.
Doch genau hier entlarvt sich die Debatte als künstlich konstruiert, denn die Fakten passen nicht zur gefühlten Wahrheit: Medienberichten zufolge handelte es sich bei dem Täter um einen griechischen Staatsbürger. Griechenland ist kein Teil des imaginierten „Morgenlandes“, vor dem die Kommentatoren warnen, sondern seit 1981 Teil der EU.
Hier kollidiert die Realität frontal mit dem Narrativ der Netz-Demagogen:
- Der Mythos „2013“: In den Kommentaren heißt es, „vor 2013“ (vor der Flüchtlingskrise) habe es solche Zustände nicht gegeben. Da der Täter aber aus einem Land stammt, das seit Jahrzehnten fest zur europäischen Gemeinschaft gehört, läuft dieses Argument ins Leere.
- Die Kulturalisierung: Der Begriff „Orientexpress“ soll Ängste vor einer islamisch-arabischen Bedrohung schüren. Dass die Tat von einem Europäer begangen wurde, wird in der Empörungsspirale schlicht ignoriert. Es geht nicht mehr um den echten Täter, sondern um das projizierte Feindbild.
Destruktive Rhetorik statt Ursachenforschung
Die Mechanismen der sozialen Medien sind dabei perfide, aber effektiv:
- Instrumentalisierung der Schwachen: Die Angst der „alten Frau“ wird benutzt, um härtere Maßnahmen zu fordern. Dabei würden mehr Waffen oder Zäune der Dame kaum helfen – sie dienen eher dem Rachebedürfnis der Kommentatoren als dem Schutzbedürfnis der Seniorin.
- Ausblendung des Sozialen: Die Debatte wird ethnisiert („Der Fremde ist gefährlich“), statt soziologisch geführt zu werden. Dabei wird ausgeblendet, dass Kriminalität im öffentlichen Raum oft eine Folge von Perspektivlosigkeit ist. Wer in der Gesellschaft nicht ankommt, keine Chancen sieht und am Rande steht, neigt eher dazu, Normen zu brechen – völlig unabhängig davon, ob er aus Griechenland, Deutschland oder Syrien stammt.
Die Illusion der einfachen Lösung
Die Diskussionen im Netz münden oft in der Forderung nach mehr Polizei. Doch die Bundespolizei ist an Bahnhöfen wie Köln oder Bonn bereits massiv sichtbar. Ein bloßes „Mehr“ an Uniformen löst das Kernproblem des sozialen Brennglases Bahn nicht. Polizisten können Straftaten aufnehmen, aber sie können die gesellschaftlichen Risse, die im Abteil sichtbar werden, nicht kitten.
Wenn wir über Sicherheit sprechen, müssen wir ehrlich sein: Die Angst der Frau am Bahnhof Brühl wird nicht verschwinden, nur weil jemand auf Facebook „Orientexpress“ schreibt und in geschönter Erinnerung von einem Gestern schwärmt, was es nie gegeben hat, und damit Stimmung gegen Migranten macht – zumal der Begriff im aktuellen Fall völlig fehlgeht.
Das Unsicherheitsgefühl entsteht dort, wo Gesellschaft auseinanderfällt. Die sozialen Medien fungieren dabei als Brandbeschleuniger, die diesen Zerfall nicht kitten, sondern die Bruchstücke nutzen, um damit politisch zu werfen. Am Ende hilft das weder dem toten Schaffner noch der Frau, die sich in Brühl nicht mehr in die Bahn traut. Ihr wäre mehr geholfen mit einer Gesellschaft, die weniger in Kommentarspalten hasst und mehr in Chancen für jene investiert, die sonst nichts mehr zu verlieren haben.


