Die Zustimmung zur Alternative für Deutschland wächst – doch genau darin liegt ein bemerkenswerter Widerspruch. Denn viele ihrer Wähler*innen würden von der Politik dieser Partei besonders stark benachteiligt. Dieses „AfD-Paradox“ ist inzwischen gut dokumentiert.
Ein Blick auf die soziale Struktur der Wählerschaft zeigt: Überdurchschnittlich häufig stammen AfD-Unterstützer*innen aus einkommensschwächeren Gruppen, leben in strukturschwachen Regionen oder fühlen sich wirtschaftlich und politisch abgehängt. Gerade diese Gruppen sind jedoch stärker auf staatliche Leistungen, funktionierende Infrastruktur und stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen angewiesen.
Die wirtschaftspolitischen Positionen der AfD laufen diesen Interessen vielfach entgegen. Sie setzt auf Steuersenkungen – insbesondere für höhere Einkommen –, will Sozialleistungen begrenzen und die Rolle des Staates insgesamt zurückdrängen. Für Menschen mit geringem Einkommen bedeutet das konkret: weniger Unterstützung, geringere Absicherung und steigende Risiken im Alltag. Die Folge wäre eine Umverteilung, die nicht zugunsten, sondern zulasten vieler AfD-Wähler*innen ausfällt.
Auch am Arbeitsmarkt könnten die Folgen spürbar sein. Die geplante Einschränkung von Zuwanderung würde den Fachkräftemangel verschärfen – ein Problem, das angesichts des demografischen Wandels ohnehin wächst. Weniger Fachkräfte bedeuten langfristig geringeres Wirtschaftswachstum, weniger Investitionen und damit schlechtere Chancen gerade in ohnehin schwächeren Regionen.
Hinzu kommt die Skepsis der AfD gegenüber der Europäischen Union. Für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland ist der europäische Binnenmarkt zentral. Eine Abkehr von europäischer Integration würde wirtschaftliche Unsicherheit erhöhen und Arbeitsplätze gefährden – wiederum besonders dort, wo wirtschaftliche Strukturen ohnehin fragil sind.
Diese Einschätzung wird auch von der organisierten Wirtschaft geteilt. Studien zeigen, dass viele Unternehmen und Wirtschaftsverbände die AfD weniger als Partner denn als Risiko betrachten – politisch wie ökonomisch. Sie warnen vor negativen Folgen für Investitionen, Fachkräftegewinnung und die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
Doch die Wirkung der AfD erschöpft sich nicht in wirtschaftspolitischen Fragen. Ihr politischer Stil verstärkt gesellschaftliche Spaltung. Typisch ist das populistische Narrativ eines Gegensatzes zwischen „Volk“ und „Elite“. Komplexe Probleme werden vereinfacht, Verantwortung externalisiert. Gerade Menschen, die sich ohnehin nicht ausreichend repräsentiert fühlen, finden darin eine scheinbar einfache Erklärung für ihre Lage.

So entsteht eine doppelte Dynamik: Einerseits werden reale Sorgen – etwa über wirtschaftliche Unsicherheit oder mangelnde Perspektiven – politisch aufgegriffen. Andererseits werden Lösungen angeboten, die diese Probleme langfristig verschärfen könnten. In der Klimapolitik etwa wird Klimaschutz häufig als Bedrohung für Wohlstand dargestellt, obwohl gerade wirtschaftlich schwächere Gruppen besonders stark von den Folgen ungebremsten Klimawandels betroffen wären.
Der Erfolg dieses Ansatzes lässt sich auch soziologisch erklären. Viele Menschen erleben einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel – etwa durch Globalisierung oder kulturelle Veränderungen. Wenn politische Entscheidungen zunehmend in komplexen, internationalen Strukturen getroffen werden, entsteht bei manchen das Gefühl, keinen Einfluss mehr zu haben. Populistische Parteien greifen dieses Gefühl auf und verstärken es gezielt.
Genau hier liegt der Kern des Problems: Die AfD spricht reale Unsicherheiten an, bietet aber Lösungen an, die diese Unsicherheiten eher vergrößern als verringern. Für viele ihrer Wähler*innen bedeutet das im Ergebnis: weniger soziale Sicherheit, schlechtere wirtschaftliche Perspektiven und geringere politische Teilhabe.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, warum Menschen die AfD wählen – sondern ob ihre Politik tatsächlich in ihrem Interesse liegt. Die vorhandenen Analysen legen nahe: In vielen Fällen ist genau das nicht der Fall.
Vertiefende Links
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/afd-wahlprogramm-wirtschaftspolitik-100.html


