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Deutschlands Exportstärke braucht ein Update

Alte Werbung Eisenwerk
Dieser Text ist ein Kommentar zu zentralen Thesen des Ökonomen Moritz Schularick und ergänzt sie um Überlegungen der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann. Beide stehen für unterschiedliche wirtschaftspolitische Blickrichtungen: Schularick fragt, wie Deutschland technologisch wieder wettbewerbsfähig werden kann; Herrmann fragt, warum ein reiches Land trotz Exportstärke zu wenig Binnenkaufkraft und zu wenig Zukunftsinvestitionen mobilisiert. Gerade weil ihre Ausgangspunkte verschieden sind, fällt die Gemeinsamkeit ihrer Diagnose ins Gewicht: Das deutsche Exportmodell ist nicht einfach am Ende, aber es funktioniert nicht mehr unter den Bedingungen, die es jahrzehntelang stark gemacht haben. Deutschland muss seine industrielle Stärke erneuern, stärker in Zukunftstechnologien investieren und zugleich die soziale Grundlage seiner Wirtschaftspolitik ernst nehmen.

 

In Brühl riecht Industrie noch nach Metall, Hitze und Arbeit. Das Eisenwerk Brühl produziert seit fast hundert Jahren Motorblöcke und Zylinderköpfe aus Gusseisen. Es ist einer der wenigen großen Industriebetriebe der Stadt, ein wichtiger Arbeitgeber im Rhein-Erft-Kreis und ein Stück jener deutschen Wirtschaftsgeschichte, die lange als unschlagbar galt: Präzision, Großserienfertigung, Automobilzulieferung, „Made in Germany“.

Doch genau darin liegt heute die Spannung. Das Eisenwerk steht nicht für irgendeine alte Industrie. Es steht für das, was Deutschland stark gemacht hat: hochspezialisierte Zulieferer, technische Qualität, jahrzehntelange Erfahrung im Verbrennungsmotor. Aber die Welt, für die diese Stärke gebaut wurde, verändert sich. Das Auto der Zukunft wird nicht mehr vor allem über Motorblock, Hubraum und mechanische Perfektion definiert, sondern über Batterie, Software, künstliche Intelligenz und digitale Vernetzung. Was früher ein Wettbewerbsvorteil war, kann plötzlich zur Hypothek werden.

Ein Beitrag der WDR-Lokalzeit Köln macht diese Lage am Eisenwerk Brühl konkret. Das Unternehmen investiert und sucht nach neuen Märkten, bleibt aber eng mit dem Verbrennungsmotor verbunden. Kleinere Mengen für Spezial- oder Tuningmärkte können eine Gießerei nicht tragen, wenn das Massengeschäft unter Druck gerät. Auch der Wechsel vom Pkw- zum Lkw-Geschäft ist schwieriger, als es von außen klingt. Transformation heißt hier nicht: Man produziert einfach etwas anderes. Sie bedeutet, neue Produkte, neue Kunden und neue Stückzahlen zu finden – ohne die vorhandenen Fähigkeiten und Arbeitsplätze zu verlieren.

Videobeitrag

WDR-Lokalzeit Köln: Der Beitrag zeigt am Beispiel des Eisenwerks Brühl, wie schwierig der industrielle Umbau für einen vom Verbrennungsmotor geprägten Zulieferer ist.

Genau an dieser Stelle setzt die Diagnose des Ökonomen Moritz Schularick an. Was am Eisenwerk Brühl konkret sichtbar wird, beschreibt er als gesamtwirtschaftliches Problem: Deutschland ist weiterhin stark in den Technologien des 20. Jahrhunderts, aber nicht führend genug in denen des 21. Jahrhunderts.

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Schularick im Original: Deutschlands Stärke in alten Technologien und der Rückstand bei Zukunftsfeldern. Einstieg: ca. 2:40 Min.

Die Krise der deutschen Wirtschaft hat inzwischen ein Gesicht: das Werkstor. In der Autoindustrie wurden binnen eines Jahres rund 51.500 Stellen abgebaut, fast sieben Prozent aller Arbeitsplätze der Branche. Fast jeder zweite verlorene Industriejob in Deutschland entfiel damit auf die Automobilindustrie. Auch Maschinenbau und Metallerzeugung stehen unter Druck. Was wie eine harte Branchenkrise aussieht, ist in Wahrheit mehr: ein Hinweis darauf, dass ein jahrzehntelang erfolgreiches Modell an seine Grenzen stößt.

Deutschland war lange Exportweltmeister im Denken und Handeln: Autos, Maschinen, Chemie, Anlagenbau, Präzision, Verlässlichkeit. „Made in Germany“ bedeutete Qualität, Ingenieurskunst und technologischen Vorsprung. Doch genau diese Erfolgsgeschichte wird nun zur Gefahr, wenn sie den Blick auf die Gegenwart verstellt. Die Welt, für die dieses Modell gebaut wurde, existiert nicht mehr in alter Form. China ist nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern Konkurrent. Die USA sind nicht mehr nur verlässlicher Freihandelspartner, sondern drohen mit Zöllen und Industriepolitik. Energie bleibt teuer, Lieferketten sind politischer geworden, und der Wettbewerb entscheidet sich zunehmend in Software, künstlicher Intelligenz, Batterien, autonomen Systemen und Geschwindigkeit.

Schularicks Diagnose: stark im Gestern, zu langsam im Morgen

Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, bringt diese Diagnose auf eine harte Formel: Deutschland sei weiterhin stark in den Technologien des 20. Jahrhunderts, aber nicht führend genug in denen des 21. Jahrhunderts. Man könne noch immer hervorragende Verbrenner bauen, Maschinen konstruieren und Spezialchemie entwickeln. Aber bei Batterien, KI, Software, digitalen Plattformen und neuen Hochtechnologien sei Deutschland nicht dort, wo es sein müsste. Seine Warnung lautet sinngemäß: Deutschland läuft rückwärts in die Zukunft.

Besonders sichtbar wird das im Auto. Der Umstieg vom Verbrenner zum Elektroauto ist nicht bloß ein technischer Austausch. Er verändert die gesamte Wertschöpfung. Ein E-Auto braucht weniger Teile, andere Zulieferer, andere Kompetenzen. Selbst wenn deutsche Hersteller die besten Elektroautos der Welt bauen würden, bräuchten sie dafür weniger Arbeitskräfte als früher. Verschärft wird die Lage dadurch, dass deutsche Hersteller in zentralen Feldern wie Batterie, Software und digitaler Fahrzeugarchitektur nicht durchgehend führend sind. Der Jobabbau ist deshalb mehr als Sparpolitik. Er ist Ausdruck eines technologischen Bruchs.

China zeigt, wie radikal dieser Bruch ist. Dort entscheidet im Auto nicht mehr allein der Antrieb, sondern das „Smart Car“: Software, KI im Cockpit, Assistenzsysteme, autonome Funktionen und die nahtlose Einbindung ins digitale Leben. Früher war Premium in der Autowelt Motorleistung, Verarbeitung und Markenprestige. In China wird Premium immer stärker zur Frage des intelligentesten Systems. Damit wird „Made in Germany“ ambivalent. Es bleibt ein Qualitätsversprechen, aber es reicht nicht mehr. In manchen Märkten droht es sogar als Signal der alten Welt gelesen zu werden: solide, hochwertig, aber nicht schnell und nicht smart genug.

Einen ähnlichen Punkt macht Ulrike Herrmann im Gespräch. China sei nicht mehr nur verlängerte Werkbank oder Absatzmarkt, sondern technologisch inzwischen selbst ein Konkurrent des Westens. Für Deutschland bedeutet das zweierlei: Die Exporte nach China werden schwieriger, weil China viele Produkte inzwischen selbst herstellen kann. Gleichzeitig treten chinesische Unternehmen auf den Weltmärkten gegen deutsche Anbieter an – etwa bei E-Autos, Werkzeugmaschinen und anderen Industriegütern. Damit bestätigt Herrmann Schularicks Diagnose: Das deutsche Exportmodell gerät nicht nur wegen einzelner Krisen unter Druck, sondern weil sich die globale Wettbewerbsordnung verändert.

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Ulrike Herrmann im Original: China und das deutsche Exportmodell. Einstieg: ca. 10:50 Min.

Die Außenhandelszahlen stützen diese Verschiebung. Deutschland exportierte 2025 Waren im Wert von 81,3 Milliarden Euro nach China, 9,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig stiegen die Importe aus China auf 170,6 Milliarden Euro. China bleibt also enorm wichtig – aber immer stärker als Lieferland und Wettbewerber, nicht mehr als verlässlicher Wachstumsmotor deutscher Exporte.

Exportüberschüsse sind kein Selbstzweck

Herrmann ergänzt Schularicks Diagnose an einer entscheidenden Stelle: Deutschland muss nicht nur technologisch moderner werden, sondern auch seine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland überdenken. Ein dauerhafter Exportüberschuss klingt zunächst nach Stärke. Er bedeutet aber auch, dass Deutschland mehr produziert, als im Inland nachgefragt wird. Die deutsche Wirtschaft lebt dann davon, dass andere Länder genug kaufen – und sich dafür im Zweifel verschulden.

Damit verschiebt Herrmann den Blick von der Angebotsseite zur Nachfrageseite. Wenn Deutschland weniger abhängig von Auslandsmärkten sein will, muss es die eigene Binnenwirtschaft stärken. Dazu gehören höhere Löhne, eine bessere soziale Absicherung und mehr Kaufkraft bei unteren und mittleren Einkommen. Denn diese Gruppen geben zusätzliches Einkommen eher aus, statt es zu sparen oder ins Ausland zu verschieben. Eine stärkere Binnennachfrage wäre deshalb nicht nur Sozialpolitik, sondern auch Wirtschaftspolitik.

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Ulrike Herrmann im Original: Exportüberschüsse, Löhne und Binnenkonsum. Einstieg: ca. 27:55 Min.; sinnvoller Ausschnitt bis ca. 30:20 Min.

Keine Deindustrialisierung, sondern neue Industrie

Schularicks Gegenentwurf ist keine Abkehr von Industrie. Er fordert keine Deindustrialisierung, sondern eine Reindustrialisierung auf neuer technologischer Basis. Deutschland soll nicht weniger Industrie haben, sondern eine andere: Biotechnologie, Medizintechnik, digitale Industrie, KI, Drohnen, Satelliten, autonome Systeme, moderne Verteidigungstechnologien. Gerade die neuen Verteidigungsausgaben könnten wirtschaftliche Impulse setzen – aber nur, wenn sie nicht in alte Systeme fließen, sondern in Hochtechnologie.

Das milliardenschwere Finanzpaket des Bundes ist deshalb Chance und Risiko zugleich. Im März 2025 wurde die Grundlage für ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität gelegt; zudem sollen bestimmte Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben nicht mehr wie bisher auf die Schuldenregel angerechnet werden. Für Schularick ist das ein Epochenbruch nach Jahren strenger Schuldenbremse. Doch neue Schulden sind nur dann Zukunftspolitik, wenn sie Zukunft finanzieren. Werden sie genutzt, um alte Strukturen künstlich zu verlängern, kaufen sie Zeit – aber keine Wettbewerbsfähigkeit.

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Schularick im Original: Wie das zusätzliche Geld investiert werden müsste. Einstieg: ca. 17:50 Min.

Hier liegt der politische Konflikt. Sichtbar und emotional aufgeladen sind vor allem die alten Industrien: Auto, Stahl, Chemie, große Werke, gewachsene Standorte, starke Betriebsräte, regionale Identität. Dort hängen Arbeitsplätze, Lebensläufe und Wählerstimmen. Zukunftsbranchen dagegen sind oft abstrakter: KI, Softwarearchitektur, Batteriezellen, Satellitentechnik, Biotech-Cluster. Für Politik ist es leichter, ein bekanntes Werk zu retten, als eine noch nicht sichtbare Industrie aufzubauen. Schularicks Warnung lautet deshalb: Wenn Deutschland das knappe Geld vor allem in alte Industrien steckt, fehlt es dort, wo die nächste Wertschöpfung entstehen müsste.

Auch Herrmann setzt an diesem Punkt an. Sie widerspricht der verbreiteten Vorstellung, Deutschland müsse vor allem „mehr arbeiten“, um wieder stärker zu wachsen. Wohlstand entsteht aus ihrer Sicht nicht durch längere Arbeitszeiten allein, sondern durch technisches Niveau, Investitionen und Produktivitätsfortschritt. Entscheidend ist also nicht, alte Strukturen durch mehr Anstrengung zu verlängern, sondern die Voraussetzungen für höhere Produktivität zu schaffen: moderne Infrastruktur, Forschung, Bildung, Digitalisierung und neue Technologien.

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Ulrike Herrmann im Original: Investitionen und technischer Fortschritt statt bloß mehr Arbeit. Einstieg: ca. 53:24 Min.; sinnvoller Ausschnitt bis ca. 55:40 Min.

Damit ergänzen sich Schularick und Herrmann. Schularick fragt, in welche Technologien Deutschland investieren muss. Herrmann erinnert daran, warum Investitionen überhaupt die Grundlage von Wachstum sind. Nicht die Zahl der Arbeitsstunden entscheidet langfristig über den Wohlstand eines Landes, sondern die Frage, wie produktiv gearbeitet werden kann. Wer bei Infrastruktur, Forschung und Technik spart, schwächt genau jene Grundlage, auf der industrielle Stärke beruht.

Veränderungsangst als politischer Sprengstoff

Damit bekommt die ökonomische Diagnose eine zweite Ebene. Was aus Sicht der Volkswirtschaft notwendige Transformation ist, wirkt aus Sicht vieler Menschen wie Kontrollverlust. Wer in einem Autozulieferbetrieb arbeitet, erlebt den Wandel nicht als abstrakten Produktivitätsfortschritt, sondern als mögliche Entwertung der eigenen Qualifikation. Wer in einer Industrieregion lebt, sieht nicht nur Geschäftsmodelle verschwinden, sondern eine vertraute Ordnung. Und wer als junger Ingenieur gelernt hat, dass die deutsche Autoindustrie ein sicherer Karrierepfad ist, merkt plötzlich, dass selbst akademische Qualifikationen kein automatischer Schutz mehr sind.

Diese Angst ist politisch brisant. Populistische Bewegungen leben davon, Veränderung nicht als gestaltbare Aufgabe, sondern als Verrat zu erzählen. Sie versprechen, die alte Sicherheit zurückzuholen: den Verbrenner retten, Klimapolitik stoppen, Globalisierung zurückdrehen, Brüssel schwächen, Grenzen schließen, „die Eliten“ bestrafen. Das ist wirksam, weil es reale Sorgen aufgreift. Aber es ist gefährlich, weil es eine Vergangenheit verspricht, die ökonomisch nicht zurückkehrt.

Die Forschung zeigt, dass wirtschaftliche Unsicherheit und politische Radikalisierung zusammenhängen können. Eine ifo-Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass tatsächlich und subjektiv wahrgenommen niedriges Einkommen, geringe Lebensqualität am Wohnort und Unzufriedenheit mit der Bundesregierung mit einer stärkeren Neigung zur AfD verbunden sind. Populismus entsteht also nicht nur aus Armut. Er entsteht auch aus Statusangst: aus dem Gefühl, dass die eigene Arbeit, die eigene Region oder die eigene Lebensleistung entwertet werden könnten.

Damit entsteht ein gefährlicher Kreislauf. Das alte Exportmodell verliert Kraft. Reformen werden notwendig. Reformen erzeugen Angst. Populisten versprechen die Rückkehr zur alten Ordnung. Die Politik wird vorsichtiger. Der Umbau verzögert sich. Die wirtschaftliche Schwäche verschärft sich – und damit wächst die nächste Welle der Verunsicherung.

Der Sozialstaat muss Zukunft ermöglichen

Deshalb reicht es nicht, wenn Ökonomen erklären, welche Branchen Zukunft haben. Der Wandel muss politisch und sozial übersetzt werden. Wer Menschen nur sagt, ihre Industrie sei Vergangenheit, treibt sie in die Arme jener, die diese Vergangenheit verklären. Wer aber jede alte Struktur schützt, verhindert die Erneuerung, die Arbeitsplätze von morgen schaffen könnte.

Hier liegt auch der blinde Fleck des deutschen Modells: der Sozialstaat. Schularick kritisiert, dass ein großer Teil der Bundesmittel nicht in Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung oder Forschung fließt, sondern in die Stabilisierung des Rentensystems. In einer alternden Gesellschaft ist soziale Sicherheit wichtig. Aber ein Sozialstaat, der vor allem Besitzstände absichert, ist etwas anderes als ein Sozialstaat, der Menschen im Wandel stärkt. Zukunftsfähig wäre ein Staat, der stärker in Weiterbildung, Übergänge, Schulen, Hochschulen, digitale Verwaltung, Infrastruktur und Forschung investiert.

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Schularick im Original: Rentenzuschüsse, Zukunftsinvestitionen und die Verteilung von Jung nach Alt. Einstieg: ca. 20:45 Min.

Herrmanns Überlegungen zur Binnennachfrage zeigen, dass Sozialpolitik und Zukunftspolitik dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Wenn untere und mittlere Einkommen gestärkt werden, kann das die Binnenwirtschaft stabilisieren. Wenn der Staat in Bildung, Infrastruktur und Forschung investiert, verbessert er zugleich die Voraussetzungen für neue Wertschöpfung. Entscheidend ist also nicht nur, wie viel Geld ausgegeben wird, sondern wofür: für die Verwaltung des Bestehenden oder für die Fähigkeit, Neues aufzubauen.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage lautet deshalb: Das deutsche Exportmodell ist nicht am Ende. Aber seine alte Form ist es. Deutschland kann weiterhin eine starke Industrienation bleiben, wenn es Industrie neu denkt: digitaler, schneller, forschungsnäher, softwarestärker und weniger nostalgisch. Es muss nicht aufhören, Autos, Maschinen oder Chemieprodukte zu exportieren. Aber es darf nicht glauben, dass die alten Stärken allein die Zukunft sichern.

Schularicks Thesen führen zu einer doppelten Warnung. Ökonomisch lautet sie: Wer die Industrie von gestern mit dem Geld von morgen rettet, verliert die Märkte der Zukunft. Politisch lautet sie: Wer den Wandel ohne soziale Sicherheit und überzeugende Erzählung betreibt, überlässt die Verunsicherung den Populisten.

Herrmann ergänzt diese Warnung um zwei weitere Punkte. Erstens: Ein Land kann nicht dauerhaft auf Exportüberschüsse setzen und zugleich die eigene Binnenkaufkraft vernachlässigen. Zweitens: Mehr Wohlstand entsteht nicht durch bloße Mehrarbeit, sondern durch Investitionen, Technik und Produktivität. Zusammengenommen ergibt sich daraus ein klarer Maßstab für Wirtschaftspolitik: Deutschland muss nicht einfach härter arbeiten oder alte Exporterfolge verteidigen. Es muss produktiver, innovativer und sozial tragfähiger werden.

Zurück nach Brühl. Das Eisenwerk ist kein Fossil. Es ist ein hochspezialisierter Industriebetrieb mit moderner Fertigung, Robotern, Erfahrung und Fachkräften. Gerade deshalb zeigt es die Schärfe der deutschen Lage. Die Frage ist nicht, ob solche Betriebe Vergangenheit sind. Die Frage ist, ob ihre Fähigkeiten in eine neue industrielle Zukunft übersetzt werden können.

Wenn Deutschland das schafft, bleibt „Made in Germany“ mehr als die Erinnerung an die Industrieerfolge der vergangenen Jahrzehnte: Dann wird aus Guss, Präzision und Ingenieurskunst eine neue industrielle Stärke.

Das deutsche Exportmodell ist also nicht am Ende. Aber es steht vor der Entscheidung, ob es seine Vergangenheit verteidigt – oder aus ihr Zukunft baut.

Interviewpodcast

Schularick im Gespräch: Deutschland steckt in einer Wirtschaftskrise, weil das jahrzehntelange Erfolgsmodell des Exportweltmeisters nicht mehr wie früher trägt. Im Podcast erklärt Moritz Schularick, warum „Made in Germany“ neu gedacht werden muss – und welche Reformen er für den wirtschaftlichen Neustart empfiehlt.

Quellen

Themen: Brühl | Deutschland | Information

Meeresspiegel, Misstrauen, Märchen: Muster der Klimaskepsis

Einordnung: Dieser Beitrag gehört zu einer kleinen Klimareihe Dieser Artikel hat zwei Begleiter: „Klimawandel verstehen“ erklärt die...