Matthias Helferich in Brühl
Enthält möglicherweise Spuren von Täuschung
Straff zurück gegelte Haare, ein eng sitzender dunkelblauer Anzug mit silberfarbener Krawatte und Einstecktüchlein, die Stimme hart gespannt. Nicht nur Optik, Auftritt und Rhetorik sind an diesem Mann stramm. Auch seine Haltung ist es. Genauer: stramm rechts. So präsentierte sich Matthias Helferich, Abgeordneter der AfD-Fraktion des Deutschen Bundestags, Brühlerinnen und Brühlern beim ersten „AfD-Bürgerdialog“ Ende April dieses Jahres.
Im gerade mal zur Hälfte bestuhlten Clemens-August-Forum lauschten zwischen leeren Reihen rund 50 AfD-Anhänger und Anhängerinnen sowie etwa 20 deutlich distanzierte Bürgerinnen und Bürger den Gästen des lokalen AfD-Ortsverbands. Breites Interesse sieht anders aus. Jobst Schmidt, Sprecher der AfD-Ortsgruppe Brühl, selbst frei von sprachlicher Begabung, huldigte „Bewunderung“ und kündigte geradezu ehrfurchtsvoll „eine gewisse Wortgewalt und rhetorische Schärfe“ an. Und meinte jenen scharf gestellten Matthias Helferich.
Zu Beginn streichelt der das lokale Selbstwertgefühl. Das Brühler Max-Ernst-Museum. Toll, ganz toll. Der große Künstler dieser Stadt, er hätte sich mit Grausen abgewandt. Galt er doch schon den Nazis als Vertreter sogenannt entarteter Kunst. Und versteckte sich im besetzten Frankreich vor den Nationalsozialisten, bevor ihm die Flucht in die USA gelang.
Der forsche Helferich ließ sodann keinerlei Zweifel daran, was jenseits von rechtsaußen ist: „Wir lassen es geschehen, dass wir Opfer im eigenen Land von Gewaltverbrechen werden,“ hetzte er. „Wir lassen es geschehen, dass uns fremde Kulturen selbstbewusst, ja, gar aggressiv, gegenübertreten und uns unsere eigene Heimat streitig machen.“ Und da, die Stimme peitscht jetzt, sei da noch jener Fall eines 52-jährigen Syrers, der gar nicht mehr im Land habe sein dürfen. Der habe ein sechsjähriges Mädchen vergewaltigt. So kocht Helferich die Volksseele hoch. Was er suggeriert: der tatsächlich furchtbare Fall ereignete sich in Deutschland. Falsch. Er geschah in Österreich. Zufälliger Fehler? Kleine Schlamperei? Wohl kaum. Die Verteilung der Täter- und Opferrollen war fortan zementiert. Und weitere wohl kalkulierte Fehler und Ungenauigkeiten fielen auf.
Der Jurist Helferich, ausgerechnet Mitglied im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, schoss sich sodann vor allem auf sogenannte „linke Kulturpolitik“ ein: „Unser Rückgrat“, fabulierte er, „wurde durch linke Kulturpolitik gebrochen. Es ist ein Kulturkampf, der spätestens seit 1968 von den Linken gegen alles Gute und Schöne in diesem Land geführt wird. Gegen alles historisch Gewachsene, gegen alte Mythen und Märchen, die unser Volk ausmachen, ja, gegen unser Volk selbst.“ Soll heißen: die Linke will die Deutschen vernichten. Der selbsternannte Kulturkämpfer von ganz rechts außen weiter: „Es geht um die Auflösung von allem, was schön ist, was ewig ist.“ Den Linken, so Helferich, gehe es „…um eine Kultur der Hässlichkeit, der Zerstörung, der Zersetzung…von Volksnationen, von Ästhetik, von Geschlechtlichkeit, von Mann und Frau.“
Karsten Peters, Gründungsmitglied der parteiübergreifenden Initiative „Gemeinsam für Brühl“, dazu: „Hier lässt sich bereits ein Muster aller rechtsextremen Agitatoren und autoritären Politiker erkennen: der innere Feind, der den „gesunden Volkskörper“ zersetzen will, und dadurch „das Volk“ seiner Stärke beraubt. Was auch immer irgendwie anders wahrgenommen wird, ist automatisch „volksfeindlich“. Die absolute Intoleranz gegenüber jedweder Abweichung des vermeintlich „normalen“ wird so zur „wahren moralischen Integrität.“ Und damit zum absoluten Anspruch auf die Wahrheit.
Mythen und Märchen scheinen einen festen Platz zu haben in der Welt des Matthias Helferich. Ausgerechnet der Mann, der sich selbst einmal als das „freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnet haben soll, nahm sich nach der doch etwas schlicht geratenen Freund-Feind-Einordnung im aktuellen Kultur-Kosmos Künstlerinnen, Künstler und renommierte Museen vor: „Der Gropius-Bau ist ein wunderschönes, historisches Gebäude gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus. Beim letzten Besuch durfte ich mir eine Ausstellung der selbsternannten Trans-Terroristin Vaginal Davis anschauen.“
Das „Museumsportal Berlin“ über die Performerin Vaginal Davis: „In ihrem wegweisenden Schaffen verbinden sich Punk und Glamour, queerer Aktivismus und Schwarze Gegenkultur sowie Widerstand und Begehren.“ Macht zumindest neugierig.
Nicht so Herrn Helferich. Der Schock des wohl traumatisierenden Anblicks scheint tief zu sitzen. „Vaginal Davis zeigte den Besuchern dieser Kunstausstellung, die vom Hauptstadtkulturfonds des Bundes mit 54 Millionen Euro finanziert wird,“ so der Redner in schlecht gespielter Empörung, „einen Riesenpenis in einem großen Plüschbett.“ Die nicht wirklich hoch gehängte, intellektuelle Leistung, das vermeintlich beste Stück eines jeden Mannes so sorgsam zu betten, wie es ihm in so mancher männlichen Phantasie gebührt, damit eben dieses Gebaren zu persiflieren und so mit Ironie zu spielen, das überfordert so manchen Herrn. So wohl auch Helferich.
Wie der Kulturbeauftragte der AfD seine Zuhörer manipuliert, verdient einen etwas genaueren Blick. 54 Millionen € allein für die Vaginal-Davis-Ausstellung in 2025? Seltsam. Denn der Gesamtetat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KKB) für 2025 lag bei 57 Millionen €. Davon wurden hunderte Ausstellungen und große Events wie etwa die Filmfestspiele Berlin finanziert. Und dann soll eine Einzelausstellung von Vaginal Davis im Gropius-Bau allein mit 54 Millionen € gefördert worden sein? Die Logik, sie bleibt hier auf der Strecke. Und die Wahrheit auch. Dazu Birgit Schapow, Pressesprecherin des Gropius-Bau: „Die Summe ist frei erfunden.“
Und weiter ging’s im Stechschritt durch das Reich von Kunst und Kultur.
Helferichs Fokussierung auf alles sinnlich-erotische nahm sodann bizarre Züge an. Der Anblick des Riesenpenis war gerade halbwegs bewältigt, da machte sich der wackre Kulturbeauftragte erneut auf in den Gropius-Bau. Wieder geriet er in eine Ausstellung. Diesmal musste er den Anblick einer Inszenierung der Künstlerin Marina Abramović verkraften. Sie sei bekannt im Kontext von Jeffrey Epstein, der sie vergöttert habe. Epstein, wir erinnern uns, ist die zentrale Figur in einem monströsen Missbrauchsskandal. Er war Herrscher eines weltweiten, verbrecherischen Netzes und diente zumeist reichen, weißen Männern oft sehr junge Frauen an. Helferichs ach so sensible Seele wurde zutiefst erschüttert durch den Anblick der weltberühmten Performance-Künstlerin Marina Abramović, „die im Beisein von Lady Gaga, eine fiktive Leiche, eine Frau in einem Blutbad, verspeist. ….Und daneben hängen im Gropius-Bau ebenfalls riesige Penis-Plakate….alles finanziert von euch, den Steuerzahlern.“
Nun mag derlei Kunst nicht jedermann beglücken. Doch ein Muster im Vortrag des Kulturbeauftragten von AfD-Gnaden fällt auf: die ständigen Hinweise auf verschwendete Steuergelder für widerliche Kunstprojekte durch die vermeintlich herrschende Kultur-Elite. Sie zielen auf Emotionen, sollen Hass und Wut schüren. Bei AfD-Anhängern mag solch bösartiger Brei verfangen. Bei anderen nicht.
Dann gerät das Bonner Museum „Haus der Geschichte“ in den Helferich`schen Fokus. Es handelt sich, und das ist korrekt, „um eine hundertprozentige Stiftung des Bundes, also eine hundertprozentige Stiftung von euch Bürgern.“ Und was wird dort wohl zu sehen sein? „Die Lüge von den Deportationsplänen der AfD und einiger CDUler“. Weiter: „Als Ausstellungsobjekt werden die Berichte vom Potsdamer Treffen von Correctiv, einem steuerfinanzierten Agitprop-Medienunternehmen, ausgestellt. Da werden Schulklassen durchgeführt, obwohl inzwischen gerichtsfest bewiesen ist, dass die AfD und die Teilnehmer dieses Potsdamer Treffens im Januar 2024 zu keinem Zeitpunkt die Ausweisung von Deutschen mit Migrationshintergrund gefordert haben, wird das den Schülern dort im Museum aufgezeigt.“
Was ein „Agitprop-Medienunternehmen“ auch immer sein mag: Correctiv versteht sich als unabhängiges Medienhaus, das investigativen Journalismus betreibt um Missstände aufzudecken und die Demokratie zu stärken. Correctiv finanziert sich hauptsächlich durch Spenden und zu einem geringen Teil von staatlichen Zuschüssen.
Fakten zu Helferichs Erzählungen:
Laut Correctiv hat der Redner Martin Sellner, führende Figur der sogenannten "Neuen Rechten" sowie der rechtsextremistischen "Identitären Bewegung", über die Remigration von Millionen Asylbewerbern und Ausländern mit Bleiberecht gesprochen. Ob auch über die Remigration von „nicht assimilierten Deutschen mit Migrationshintergrund“ gesprochen wurde, ist umstritten. Gerichtliche Auseinandersetzungen dauern noch immer an.
Im Brühler AfD-„Bürgerdialog“ Ende April attackierte Helferich zu guter Letzt sogenannte postkoloniale Ansätze moderner Geschichtsforschung. Mit teils erfundenen Fakten versuche man, den Deutschen Schuld durch koloniale Verbrechen einzureden. So werde deutsche Geschichte einseitig zu einer Geschichte der Schuld. Das Ergebnis sei eine Kultur der Scham statt eines positiven Bezugs zur eigenen Geschichte. Die Bezeichnung des 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ vom verbrecherischen Regime des Nationalsozialismus lehnt er ab. Das Leid der deutschen Bevölkerung nach Kriegsende verdiene mehr Beachtung.
Johanna Strick, 28, Besucherin des AfD-Bürgerdialogs: „Diese Art von Kulturkampf-Rhetorik erinnert mich an Narrative, die unsere Gesellschaft spalten. Damit kann ich persönlich überhaupt nichts anfangen.“ Und weiter: „Ich habe mich gefragt, ob hier wirklich über Kulturpolitik gesprochen wird oder über Ideologie.“
Hetze, Hass und Menschenverachtung, dazu Halbwahres und ein nicht nachvollziehbares, manipulatives Zahlenwerk. So lässt sich die Rede von Matthias Helferich zusammenfassen. Diese gefährliche Mischung übersteigt offenbar auch die Grenzen der Toleranz des AfD-Landesverbandes NRW. Seit 2024 läuft ein Parteiausschlussverfahren gegen Helferich.


