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Extremismus – erkennen und handeln – Der Rechtsextremismus verändert sein Gesicht

Mehr als 100 Interessierte kamen am Mittwochabend ins voll besetzte margaretaS, um den Vortrag von Dr. Christoph Busch vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen zu hören. Unter dem Titel „Extremismus – erkennen und handeln“ zeigte Busch, wie sich insbesondere der Rechtsextremismus verändert: Er wird digitaler, spricht gezielt junge Menschen an und bewegt sich zunehmend zwischen gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit und Radikalisierung.

Rund 90 Minuten Vortrag – und anschließend noch einmal mehr als eine Stunde Fragen aus dem Publikum: Das große Interesse an dem von Gemeinsam für Brühl veranstalteten Abend am 23. September zeigte sich nicht nur am bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. Auch nach dem Vortrag von Dr. Christoph Busch, Referent beim Ministerium des Innern Nordrhein-Westfalen, Abteilung Verfassungsschutz, entwickelte sich eine intensive Diskussion.

Busch gab zunächst einen Einblick in die Arbeit des Verfassungsschutzes. Zu dessen Aufgaben gehören die Beobachtung und Analyse extremistischer Bestrebungen ebenso wie die Spionage- und Cyberabwehr. Einen Schwerpunkt seiner Ausführungen bildete an diesem Abend der Rechtsextremismus – und dabei ausdrücklich nicht nur das, was öffentlich sichtbar ist. Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz beschreibt Rechtsextremismus, Islamismus und Linksextremismus weiterhin als erhebliche Gefahren für die freiheitliche demokratische Grundordnung; zugleich gewinnen Spionage, Cyberangriffe und der Einsatz künstlicher Intelligenz an Bedeutung.

Vortrag Dr Busch

Vortrag Dr Busch

Die Spitze des Eisbergs

Ein Bild zog sich dabei durch den Vortrag: der Eisberg. Auf den ersten Blick sichtbar sind öffentliche Auftritte, Demonstrationen, bekannte Organisationen und einzelne Führungspersonen. Darunter befindet sich jedoch ein sehr viel schwerer erkennbares Geflecht aus Einstellungen, persönlichen Kontakten, digitalen Netzwerken und kleineren Gruppen.

Zugleich ist diese Szene äußerst dynamisch. Organisationen entstehen, verändern sich oder verschwinden wieder. Einzelne Führungspersönlichkeiten können für Gruppen eine zentrale Bedeutung haben; fallen sie weg, zerbrechen mitunter auch die entsprechenden Strukturen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die beteiligten Personen oder ihre Netzwerke verschwinden. Nach Organisationsverboten können Akteure in andere oder neu gegründete Zusammenhänge wechseln.

Die sichtbare Spitze verändert sich – der größere Zusammenhang darunter bleibt.

Bereits bei einem früheren Vortrag Buschs im Rhein-Erft-Kreis spielte dieses Eisberg-Modell eine zentrale Rolle. Auch dort beschrieb er eine Szene, die digitaler, teilweise jünger und beweglicher in ihren Organisationsformen geworden ist.

Zwischen Anpassung und Radikalisierung

Dabei verlaufen unterschiedliche Entwicklungen gleichzeitig. Auf der einen Seite versuchen Akteure, rechtsextremistische Vorstellungen so zu präsentieren, dass sie weniger eindeutig als solche zu erkennen sind. Sprache, Auftreten und Themen verändern sich. Positionen sollen anschlussfähiger werden und Menschen erreichen, die sich selbst keineswegs einer rechtsextremen Szene zurechnen würden.

Traditionelle Abgrenzungen verlieren dabei teilweise an Bedeutung. Milieus und Lebensstile, die früher als kaum miteinander vereinbar erschienen, können heute nebeneinander bestehen. Entscheidend ist weniger ein einheitliches äußeres Erscheinungsbild als die verbindende Ideologie.

Auf der anderen Seite beobachtet der Verfassungsschutz eine ausgeprägte Radikalisierung einzelner Teile der Szene. Widerstands-, Gewalt- und Bürgerkriegsrhetorik spielen dort eine Rolle. Besonders beunruhigend waren Buschs Beispiele von sehr jungen Menschen, deren Radikalisierung weit fortgeschritten war.

Diese Gleichzeitigkeit – gesellschaftliche Anschlussfähigkeit auf der einen, zunehmende Radikalisierung auf der anderen Seite – kennzeichnet nach Darstellung des Verfassungsschutzes die gegenwärtige Entwicklung.

Die Szene ist längst digital

Besonders viel Raum nahm die Rolle des Internets ein. Rechtsextremistische Kommunikation findet heute in erheblichem Maße auf Social-Media-Plattformen, in Videos, Chats und digitalen Gemeinschaften statt. Das verändert nicht nur die Verbreitung extremistischer Botschaften, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der Menschen erreicht und Gruppen gebildet werden können.

Gerade Jugendliche sind dabei eine wichtige Zielgruppe. Rechtsextreme Angebote kommen nicht zwangsläufig als politische Schulung daher. Gemeinschaft, Sport, Musik, Videos oder Freizeitaktivitäten können als erste Kontaktpunkte dienen. Wo öffentliche Treffpunkte, Jugendzentren und andere Angebote fehlen, entstehen zusätzliche Möglichkeiten für extremistische Gruppen, mit vermeintlich attraktiven Gemeinschaftsangeboten Jugendliche anzusprechen.

Dass die Ansprache junger Menschen über digitale Medien seit langem eine zentrale Strategie rechtsextremistischer Akteure ist, wird auch in anderen Veranstaltungen und Präventionsangeboten des Landes thematisiert.

Die Szene ist dabei weiterhin überwiegend männlich geprägt, auch wenn Frauen ebenfalls aktive Rollen übernehmen.

Wenn Fälschungen kaum noch zu erkennen sind

Mit der Digitalisierung entsteht eine weitere Herausforderung: künstliche Intelligenz.

Noch lassen sich manipulierte Bilder, Videos oder Stimmen mitunter an Fehlern erkennen. Doch diese Unterschiede werden kleiner. Inhalte, die heute noch künstlich oder unbeholfen wirken, können schon in naher Zukunft täuschend echt erscheinen. Extremistische Akteure erhalten damit neue Möglichkeiten, emotionalisierende oder bewusst irreführende Inhalte schnell und professionell zu produzieren.

Der Verfassungsschutzbericht Nordrhein-Westfalen für 2025 nennt den Einsatz künstlicher Intelligenz durch Extremisten und ausländische Nachrichtendienste ausdrücklich als neue Herausforderung für die Demokratie.

Die Frage, ob das Internet zur „Radikalisierungsmaschine“ werden kann, zog sich deshalb wie ein roter Faden durch diesen Teil des Vortrags. Algorithmen, geschlossene Gruppen und die schnelle Wiederholung emotionaler Inhalte können dazu beitragen, dass Nutzerinnen und Nutzer immer tiefer in bestimmte Informationswelten geraten.

Rechtsextremismus auch vor unserer Haustür

Busch beließ es nicht bei einer Betrachtung Deutschlands oder Nordrhein-Westfalens. Immer wieder richtete er den Blick auf die Region: auf Köln und auf den Rhein-Erft-Kreis.

Damit wurde deutlich, dass rechtsextremistische Strukturen kein fernes Phänomen sind. Sie existieren auch in der unmittelbaren Umgebung. Schon bei seinem Vortrag in Kerpen hatte Busch ausführlich über rechtsextreme Netzwerke und die Radikalisierung junger Menschen im Rhein-Erft-Kreis gesprochen.

Gerade dieser regionale Bezug führte im margaretaS zu zahlreichen Nachfragen.

Wie erkennt man Radikalisierungsprozesse? Wann kann der Staat eingreifen? Welche Rolle spielen Schulen und Jugendarbeit? Was können Bürgerinnen und Bürger selbst tun? Und wie lässt sich verhindern, dass extremistische Akteure gesellschaftliche Leerstellen besetzen?

Mehr als eine Stunde lang beantwortete Busch nach seinem Vortrag Fragen aus dem Publikum.

Extremismus erkennen und handeln

Plakat Dr. Busch – Vortrag und Austausch

Dabei wurde auch deutlich, dass Verfassungsschutz nicht ausschließlich Beobachtung bedeutet. Einen wichtigen Teil der Arbeit bilden Prävention und Aufklärung: Vorträge, Angebote für Schulen, Informationsmaterialien und Beratungsprogramme sollen möglichst früh ansetzen. Daneben gibt es Programme, die Menschen beim Ausstieg aus extremistischen Szenen unterstützen.

Das nordrhein-westfälische Innenministerium hat seine Präventionsangebote in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut und setzt dabei zunehmend auch auf digitale und zielgruppengerechte Formate.

Der Abend im margaretaS zeigte, warum diese Arbeit notwendig ist. Rechtsextremismus ist nicht allein an Glatzen, Springerstiefeln oder offen nationalsozialistischen Symbolen zu erkennen. Seine Erscheinungsformen verändern sich permanent. Sie können moderner, unverfänglicher und anschlussfähiger wirken – oder sich im digitalen Raum weitgehend der öffentlichen Wahrnehmung entziehen.

Umso wichtiger ist es, genauer hinzusehen.

Publikum von hinten beim Vortrag von Dr Busch

Publikum

Mehr als 100 Besucherinnen und Besucher taten das an diesem Abend in Brühl – und machten mit ihren zahlreichen Fragen deutlich, dass das Interesse an Information, Einordnung und demokratischer Auseinandersetzung groß ist.

Themen: Aktion | Brühl | Kampf gegen Hass und Rassismus | Rhein-Erft-Kreis | Wehrhafte Demokratie
Vortrag Dr Busch

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